Alles beginnt mit einer Traube
Samstagvormittag, elf Uhr, Cochem-Sehl. Ein Mann Mitte siebzig setzt sich an die Spitze einer kleinen Gruppe und geht los, den Hang hinauf. Er hat dieses Hotel 1978 gegründet und 2015 an seinen Sohn übergeben. Trotzdem steht er hier fast jeden Tag.
Rudolf Meyer ist gelernter Önologe. Nach der Übergabe hätte er sich zurückziehen können. Stattdessen hat er sich wieder ganz seiner Liebe zum Wein gewidmet: Er führt die Weinwanderungen, leitet die Weinproben und verantwortet die hauseigenen Weine. Drei Kilometer sind es hinauf zur St.-Kilian-Kapelle in Ernst, gut zweieinhalb Stunden mit allem Drum und Dran. Wanderschuhe braucht dafür niemand.
Oben angekommen gibt es fünf Weine – Elbling, Touch of Pink, Riesling Hochgewächs, Dornfelder, Bacchus –, dazu Baguette, Schinken und eine Käseauswahl. Und zum Schluss, wie es sich gehört, einen Riesling-Trester.
Wer verstehen will, was Nachhaltigkeit im Well & Wine Hotel Kessler-Meyer bedeutet, sollte diesen Samstagvormittag im Kopf behalten. Denn hier fängt eine Kette an, die sich durch das ganze Haus zieht.
Ein Weinberg, der sich nicht mechanisieren lässt
Die Mosel ist das grösste Steillagenweinbaugebiet der Welt. Über 8’000 Hektar Rebfläche, rund 60 Millionen Rebstöcke, dazu der Schieferboden, der die Weinqualität prägt. Mehr als ein Drittel dieser Flächen liegt an Steilhängen – und der steilste Weinberg überhaupt, der Calmont, liegt ebenfalls im Moseltal.
Das hat eine Konsequenz, die man erst begreift, wenn man den Hang vor sich sieht: Viele dieser Flächen lassen sich nur von Hand pflegen. Keine Maschine, kein Traktor. Nur Menschen, Jahr für Jahr, an einem Hang, der einen zurückschiebt. Zeitaufwendig ist das milde formuliert.
Vielleicht erklärt genau das, warum in dieser Region niemand die Traube als Massenware behandelt. Wer eine Frucht mit so viel Handarbeit erntet, wirft am Ende ungern etwas davon weg.
Von den Höfen ringsum auf den Teller
Auf der Philosophie-Seite des Hotels steht ein Satz, der für ein Vier-Sterne-Superior-Haus bemerkenswert unaufgeregt klingt: «Wir sind uns bewusst, wie gross der Einfluss auch von Familienbetrieben auf die Umwelt sein kann.» Und weiter: Durch kurze Lieferwege der lokalen Produkte werde nennenswert CO₂ eingespart, gleichzeitig würden die lokalen Landwirte und Winzer unterstützt.
Was daraus im Alltag wird, lässt sich an Namen festmachen. Die Eier kommen vom Thomashof in Faid, das Geflügel vom Geflügelhof Janshen – beide Höfe liegen nur wenige Kilometer entfernt. Der Käse stammt aus der Eifelkäserei Groener Hof und der Ziegenkäserei Vulkanhof, das Gemüse vom Händler Kiesewetter aus Bulley. Der Traubensaft: aus lokalen Trauben, was in dieser Gegend fast eine Selbstverständlichkeit sein sollte und es andernorts trotzdem nicht ist.
Alle zwei Wochen wird die Speisekarte an die Saison angepasst. Im Frühling stehen Bärlauch, Spargel und Erdbeeren darauf, im Herbst Waldpilze, Trauben, Wild und Kürbis. Das ist keine Marketingentscheidung, sondern eine Folge davon, wo man einkauft: Wer bei den Höfen ringsum bestellt, bekommt eben das, was gerade Saison hat.
Vier Weingüter, ein Hotel, eine Region
Einen Teil der Weine produziert das Haus selbst. Für den Rest arbeitet es mit vier Weingütern aus der unmittelbaren Nachbarschaft zusammen: Scheiders-Moritz aus Pommern, Theo Loosen aus Klotten, Lönartz-Thielmann aus Ernst und Klein-Götz aus Bruttig-Fankel. Alle vier Orte liegen im Umkreis weniger Moselschleifen.
Die Winzer bleiben dabei nicht anonyme Lieferanten. Sie werden ins Haus eingeladen, das «Meet & Greet mit dem Winzer» gehört zu den Inklusivleistungen, und bei den Weinwanderungen wird ihr Wein dort probiert, wo er wächst. «So fördern wir die deutsche Weinproduktion an der Mosel», heisst es dazu knapp auf der Philosophie-Seite.
Und dann bleibt noch etwas übrig
Hier wird es interessant. Denn wenn der Wein im Fass ist, ist die Traube noch längst nicht fertig.
Aus den Kernen lässt sich Öl gewinnen. Dieses Traubenkernöl verwendet das Haus in seinen Massagen und Kosmetikbehandlungen – die VINO-STONE-Massage etwa gehört zu den beliebtesten Anwendungen im Spa. Bei VINO RELAX kommt ein Salz-Traubenkern-Peeling zum Einsatz, gefolgt von einem Bad mit Wein- und Rebenextrakten. VINO BODY PACK arbeitet mit einer feuchtigkeitsspendenden Traubenkörperpackung.
Selbst der Trester, der bei der Weinherstellung als Nebenprodukt anfällt, findet noch eine Verwendung – im Wellnesskonzept ebenso wie im Glas am Ende der Weinprobe.
Und wenn der Bäcker um die Ecke mal wieder Brot aus Traubenkernmehl im Programm hat, liegt es morgens auf dem Frühstücksbuffet.
Wein, Saft, Brot, Öl, Peeling, Trester. Eine einzige Frucht, sechs Verwendungen, und nichts davon musste weit reisen. Man kann das Kreislaufwirtschaft nennen. In Cochem nennt man es «Well & Wine» – und meint damit schlicht, dass die Rebe hier nicht bei der Weinkarte aufhört.
Bei den Pflegeprodukten setzt das Haus unter anderem auf Vinoble Cosmetics. Der Hersteller produziert in eigener Manufaktur, bezieht seine Rohstoffe von ausgewählten Zulieferern aus Europa und verzichtet auf Plastiktuben und Umverpackungen. Kein Siegel, kein Zertifikat – aber eine nachvollziehbare Entscheidung.
Drei Generationen, ein Hang, kein Schornstein
Die Familie Kessler-Meyer besteht heute aus David und Denise, ihrer Tochter Emma Susanna, Vater beziehungsweise Schwiegervater Rudolf – und Familienhund Cameron. David hat in Trier BWL studiert, «aber es war immer klar, dass ich wieder zurück nach Cochem komme». Denise kam 2009 von der Ostsee an die Mosel und leitet das Haus seit 2015 gemeinsam mit ihrem Mann.
Gefragt, was die Mosel für sie besonders macht, nennen sie den Wein und die Steillagen. Dann aber noch etwas anderes: Es gebe an der Mosel keine Industrie – «was auch bedeutet, dass man hier im wahrsten Sinne des Wortes besonders gut durchatmen kann».
Diese Haltung steht auch in den Unternehmenswerten, an erster Stelle sogar: «Die Moselregion hat eine über 2’000 Jahre alte Kulturgeschichte und liegt uns sehr am Herzen. Wir wollen die Schönheit dieses Ortes vermitteln und schützen.» Dazu gehört auch die Rolle als Arbeitgeber. Die Moselregion, heisst es, sei als ländliches Gebiet auf verantwortungsvolle Arbeitgeber im Tourismus angewiesen. Konkret bedeutet das eine Fünf-Tage-Woche, Weiterbildungsmöglichkeiten und Hilfe bei der Wohnungssuche. Die meisten im Team sind seit Jahren dabei.
Kein Siegel. Aber eine Kette, die hält
Das Hotel Kessler-Meyer wird nicht mit einer CO₂-Bilanz werben. Es trägt kein Umweltsiegel, es veröffentlicht keine Kennzahlen, und wer nach einer Nachhaltigkeitsseite sucht, findet keine.
Was es gibt: einen Hang, der nur von Hand zu bewirtschaften ist. Fünf Höfe in Fahrradentfernung. Vier Weingüter mit Namen und Gesicht. Eine Speisekarte, die dem folgt, was gerade wächst. Eine Traube, die als Wein, als Saft, als Brot, als Öl und als Trester zu Ende gedacht wird. Und eine Familie, die in der dritten Generation plant.
Das ist keine Strategie mit Hochglanzbroschüre. Das ist ein Betrieb, der seit fast fünfzig Jahren am selben Hang steht – und weiss, dass er diesen Hang noch eine Weile braucht.